Ein Leben in den Fängen der Staatssicherheit

Von Fabian Schweyher

Als das Flugzeug auf dem Rollfeld des Flughafens Berlin-Schönefeld aufsetzt, warten die Stasi-Männer bereits auf Mario Röllig. Sie zwängen ihn in einen fensterlosen Lieferwagen. Die Fahrt ins Ungewisse erscheint dem 19-Jährigen endlos. Er hat Angst. Endet die Fahrt in einem Wald? Erschießen sie ihn?

Motor aus. Die Tür geht auf. Unverputzte Betonwände, beleuchtet von Neonröhren, eine vergitterte Tür.
Stasi-Männer brüllen ihn an.

In dieser Garage beginnt für Mario Röllig im Juli 1987 die Haft im zentralen Untersuchungsgefängnis
des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), gelegen im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen.

Dort lässt das DDR-Regime diejenigen einsperren, die es für seine Feinde hält: Regimegegner, Bürgerrechtler und Menschen, die frei sein wollen. Mario Röllig hatte versucht, über Ungarn in den Westen zu fliehen.

22 Jahre später: Der heute 42-Jährige steht vor Schülern, die so alt sind wie er damals. Die Jugendlichen drängen sich in einem engen Raum, der aussieht wie alle anderen in dem Verhörtrakt. An den Wänden Tapete mit vergilbtem Blumenmuster, zwei Tische, ein Telefon und zugezogene Gardinen.

Die schallisolierte Tür steht weit offen. Dahinter der lange Gang, an dem in kurzen Abständen links und rechts Verhörräume abgehen. Die Schüler hören ihm zu. Wie andere ehemalige Häftlinge auch führt Röllig Besucher durch die Gedenkstätte. „Wir, die ohne Rechte waren und willenlos gemacht werden sollten, haben jetzt die Schlüssel in der Hand“, sagt er.

1987. Die Verhöre dauern Stunden und sind auf den jungen, homosexuellen Häftling zugeschnitten.
Ein älterer Mann mimt für den 19-Jährigen den verständnisvollen Verhörer. Der zweite Offizier sieht gut aus, wirkt attraktiv auf Röllig. „Der Dritte stürzte immer brüllend in das Zimmer, wenn die anderen nicht weiterkamen“, erinnert er sich.

„Mit dem Fluchtversuch haben sie ihr Vaterland verraten, mit der Grenzverletzung den Weltfrieden gefährdet und einen Atomkrieg provoziert“, ätzen die Offiziere. Sie bieten ihm fünf Jahre Zuchthaus für ein Geständnis an. Es gilt, so viele Informationen wie möglich aus ihm herauszupressen.

„Niemand weiß, wo sie sind“, geben sie zu bedenken. Sie drohen seine Eltern zu verhaften, spielen mit intimen Informationen. „Allein in der Zelle war das schlimm“, sagt Röllig. Die Angst um die Eltern bedrückt ihn. Und woher wissen die so viel über ihn?

Jeder Häftling ist auf sich gestellt

In dem Gefängnis setzt das MfS auf psychische Gewalt. Die Häftlinge sollen gebrochen werden.
Jeder von ihnen ist auf sich gestellt. Die Häftlinge dürfen sich weder sehen noch begegnen. Die Fenster in den Zellen bestehen aus Glasbausteinen. In der Nacht donnern die Wärter regelmäßig gegen die Türen.

„Dieses Ausgeliefertsein, nicht zu wissen, wo man ist und die stetige Ungewissheit, was die mit mir machen – manchmal dachte ich, dass ich lebendig nicht raus komme.“

Im Freien gibt es zwölf Betonzellen, überdacht mit Drahtgittern. Röllig: „Die waren damals die einzige Möglichkeit, um an die frische Luft zu kommen.“ In großer Höhe zieht ein Flugzeug seinen Kondensstreifen über den blauen Himmel. Der Blick durch den Draht lässt Sehnsucht entstehen.

Die hat Mario Röllig 1985 auch, als er in Budapest einen westdeutschen Politiker kennenlernt. Sie werden ein Paar. Möglich ist die Beziehung, weil Röllig am Flughafen Schönefeld arbeitet, einem der wenigen Orte in der DDR, an dem Westdeutsche verkehren.

Nach mehreren Monaten erfährt die Stasi von der Beziehung. Als er sich weigert, seinen Partner auszuspionieren, lassen sie ihn ihre Macht spüren. Er verliert seinen Arbeitsplatz, muss als Tellerwäscher arbeiten. Die Schikanen gehen weiter. Irgendwann sieht Röllig in der Flucht den einzigen Ausweg.

Im September 1987 kommt er nach drei Monaten Haft frei. Die Bundesrepublik hat ihn freigekauft.
Sieben Monate später ist es soweit. Mario Röllig betritt westdeutschen Boden. „Der schönste Moment in meinem Leben“, erinnert er sich.

Nach dem Fall der Mauer will der Ost-Berliner nur noch eines: vergessen. „Ich wollte mit dem ganzen Dreck nichts mehr zu tun haben.“ Doch es gelingt nicht lange.

1999. Mario Röllig arbeitet im Berliner Kaufhaus des Westens, als ein Mann an seinen Verkaufsstand tritt. Er sieht gut aus. Röllig kennt sein Gesicht. Es ist einer der Verhörer.

Röllig spricht ihn an, fordert eine Entschuldigung. „Reue ist was für kleine Kinder“, blafft der ihn an. „Du bist doch ein Verbrecher.“ Auf einen Schlag drängen sich die verleugneten Erinnerungen in sein Bewusstsein. Röllig bricht schreiend zusammen und kommt in die Psychiatrie.

Wer die Nerven verliert, kommt in die Gummizelle

Wieder ein Zellentrakt. Wieder ein langer Gang, der durch Gitterstäbe in Segmente getrennt ist und von dem Einzelzellen mit dicken Holztüren abgehen. Ein Stockwerk tiefer, im Keller, leuchten vereinzelt Neonlampen.

Vieles bleibt im Dunkeln, auch die Gummizellen, in denen die Häftlinge eingesperrt wurden, die die Nerven verloren hatten. Für Röllig damals Grund genug, „nervlich bei sich zu bleiben“.

Es ist eine schmerzvolle Begegnung mit der Vergangenheit, als Mario Röllig im Jahr 2000 erstmals die heutige Gedenkstätte betritt. Die innere Auseinandersetzung zieht sich über Jahre. Die Erinnerungen überfallen seinen Verstand immer wieder.

Er wird psychologisch behandelt: Posttraumatische Belastungsstörung. Mit den Führungen lernt Röllig,
über seine Erlebnisse zu sprechen.

Im Oktober 2008 dann der nächste große Schritt. Das Theaterstück „Staats-Sicherheiten“ hat Premiere im Hans Otto Theater in Potsdam. 15 ehemalige Häftlinge, darunter Röllig, erzählen ihre Leidensgeschichten. Das Werk wurde inzwischen mehr als 20 Mal aufgeführt.

„Früher hat mich das Erzählen emotional sehr berührt“, sagt er ruhig. Mit der künstlerischen Auseinandersetzung könne er sich nun besser von dem „Stasi-Mist“ abgrenzen. „Ich werde wieder
mehr ich selbst.“

Im Stück „Akte R“ dagegen hat er keine Rolle übernommen. Ein Schauspieler spielt Rölligs Leidensgeschichte nach. Aufgeführt wird das Stück in Schulen und Jugendtheatern. Er selbst ist für das Gespräch danach immer dabei.

Die Haftzeit hat ihre Spuren hinterlassen. Inzwischen fällt es ihm wieder leichter, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, doch noch immer schreckt er beispielsweise in der Nacht bei Geräuschen hoch.

„Man muss lernen, den Blick auf die Zukunft zu richten“, sagt Röllig. Er ist bis heute berufsunfähig.
Über seine früheren Peiniger sagt Röllig: „Ich spüre keinen Hass, aber ich spüre Mitleid und tiefste Verachtung.“

November 2009