Ein Ort der Freiheit in der DDR

Sie kamen immer wieder: Tausende Ostdeutsche versammelten sich 1989 regelmäßig in der Berliner Gethsemanekirche, um für Reformen in der DDR einzutreten. Ein gefährliches Anliegen. Das Gotteshaus gilt seitdem als eines der Symbole der friedlichen Revolution.

Von Fabian Schweyher

Den Schrei hat Dieter Wendland bis heute nicht vergessen: Als die Nachricht von der Demonstration in Leipzig endlich eintrifft, brechen die 3000 Menschen in der Ost-Berliner Gethsemanekirche in Jubel aus. Auf einen Schlag überstrahlt die Zuversicht die Angst der vergangenen Tage und lässt die Eingeschlossenen die Polizisten vergessen, die das Gotteshaus eingekesselt haben.

Es ist der 9. Oktober 1989. In vielen Städten der DDR gehen wieder tausende Menschen für mehr Freiheiten im Arbeiter- und Bauernstaat auf die Straße. Rund 70.000 Menschen sind es in Leipzig. Militär und Polizei marschieren auf. Die Demonstranten haben Angst. Das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China ist gerade vier Monate her. Vieles deutet darauf hin, dass auch das DDR-Regime die Kundgebung niederschlagen lässt. Doch die Soldaten schießen nicht. Es bleibt friedlich. Schnell erreicht die Nachricht die Menschen in der Berliner Gethsemanekirche, in diesen Wochen eines der Zentren der Freiheitsbewegung. Die Menschen fallen sich in die Arme. „Ab diesem Zeitpunkt waren wir uns sicher: Jetzt lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen“, erinnert sich Wendland.

Der Grafikdesigner sitzt in seinem Atelier in einem alten, mehrstöckigen Fabrikgebäude. Korrekturbögen für eine Ausstellung über die Geschichte der Gethsemanekirche liegen auf einer der vielen Ablagen. „Uns ging es nicht um ein wiedervereinigtes Deutschland, sondern dass sich unser persönliches Umfeld verbessert“, schildert der 59-Jährige, der im Oktober 1989 neu in den Gemeinderat gewählt wurde und gleich seine „Feuertaufe“ erlebte.

Rückblick. Im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg herrscht Ausnahmezustand. Seit Tagen strömen immer mehr Menschen in die Gethsemanekirche – einem der wenigen Orte in der DDR, in dem die Menschen frei ihre Meinung äußern können. Oppositionelle und Bürgerrechtler sind darunter, Umweltaktivisten, Kirchen- und Friedensgruppen. Eine schwierige Situation. „Ich hatte riesige Angst, dass ich eingesperrt werde“, sagt Dieter Wendland. Gleichzeitig habe er den Mut aufgebracht, sich seine Meinung nicht mehr verbieten zu lassen.

Die Kirche ist vollkommen überfüllt. Es fehlt an Toiletten. Nur mit Mühe bekommen die Gemeindemitglieder das Chaos in den Griff. In der Kirche wird über Politik diskutiert. Andachten werden gehalten. Eine Mahnwache erinnert an Demonstranten, die inhaftiert wurden. Andere unterstreichen ihre Forderungen, in dem sie hungern.

Das Gotteshaus bietet den Menschen Schutz. Hier laufen die Informationen aus der ganzen DDR zusammen. Und es ist ein Symbol der Freiheit. Die Menschen wollen Reformen. Doch in der DDR auf Veränderungen zu pochen ist gefährlich. Mitarbeiter der Staatssicherheit in zivil haben sich unter die Menschen gemischt und protokollieren jedes Wort. „Die Stasi-Leute waren auffällig, weil sie fleißig mitgeschrieben haben“, sagt Wendland. Anschließend seien sie zu Telefonzellen gegangen, um ihre Informationen zu melden.

Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer ist der Todesstreifen aus dem Berliner Stadtbild verschwunden. Der Prenzlauer Berg hat sich zu einem Szeneviertel entwickelt. Schicke Kneipen gibt es hier. Internationale Küche. Studenten bevölkern die Straßen. Die 1891 erbaute Gethsemanekirche fügt sich anstandslos in das Straßenbild. Eine Kirche von vielen. Wenige Passanten beachten das Gotteshaus, das in die Geschichte einging.

Am 7. Oktober 1989 – dem 40. Geburtstag der DDR – wird das Kirchengelände von Militäreinheiten und Volkspolizei umstellt. Die Gemeindemitglieder in der Gethsemanekirche fürchten, dass die Situation eskaliert. „Wir haben gebetsmühlenartig wiederholt, dass es keine Gewalt geben darf“, betont Wendland, damals 39 Jahre alt. Die Menschen halten sich daran, auch als die Polizisten außerhalb der Kirche auf Demonstranten einprügeln. Die Menschen singen mit Kerzen in den Händen „Dona Nobis Pacem“ – Gib uns Frieden – oder schreien: „Schämt euch!“. Viele werden verhaftet.

Erste Friedens- und Bürgerrechtsgruppen gründeten sich in der DDR Mitte der 1980er Jahre. Rasant an Zulauf gewinnt die Demokratiebewegung 1989, nachdem für viele Menschen das Leben in der DDR unerträglich geworden ist. Als die Fälschung einer Kommunalwahl bekannt wird und immer mehr Ostdeutsche über Ungarn und die frühere Tschechoslowakei fliehen, läuft das Fass über. „Es geht an die Nieren, wenn alle gehen und man bleibt zurück“, sagt Wendland. Wie viele andere entscheidet er sich, in der DDR zu bleiben und für seine Forderungen einzustehen. Er will seine Eltern nicht zurücklassen und vor allem kämpft er für seine Kinder, die ohne politische Indoktrination aufwachsen sollen. „Das war eine intensive Zeit, die an Grundfesten meines Daseins gerüttelt hat“, erinnert sich der 59-Jährige.

Am 9. Oktober, nachdem die Nachricht von der friedlichen Demonstration in Leipzig eingetroffen ist, strömen die 3000 Menschen in der Gethsemanekirche mit Kerzen in der Hand auf die Straße. Die Soldaten und Polizisten lassen sie passieren. Die ersten Inhaftierten werden freigelassen. Einen Monat später fällt die Mauer.

November 2009

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